Wag the dog – Das Original
Sehr gespannt war ich auf die Literaturvorlage, auf der die sehr bekannte Mediensatire Wag the Dog (1997) mit Dustin Hoffmann und Robert de Niro basiert. Witzigerweise ist diese Geschichte komplett anders als der Film, aber nicht minder großartig!
Heuer wurde dieser Roman, der schon siebenundzwanzig Jahre auf dem Buckel hat und trotzdem immer noch total relevant ist, wahrscheinlich aus aktuellem Anlass neu aufgelegt und mit einem zusätzlichen zeitgemäßen Vorwort des Autors versehen, das die gesamte Geschichte zu den derzeitigen Königen der Populisten Donald Trump, Boris Johnson und Viktor Orban in Bezug setzt. Im Vergleich zum Vorwort zur Ausgabe von 2003 stellte ich dann erschreckt fest, dass sich irgendwie gar nichts geändert hat.
Wer schon irgendwann einmal etwas von Wag the Dog gehört oder gesehen hat, weiß, dass es in diesem Stoff um einen Präsidenten geht, der Probleme mit seiner Promiskuität hat, was frappant an Bill Clinton erinnert, und der ob seiner sinkenden Umfrageergebnisse einen nicht existenten, nur in den Medien von einem Hollywoodregisseur inszenierten Krieg gegen Albanien führt, um sein Image wieder aufzubessern und die anstehende Wiederwahl zu gewinnen.
Im Originalstoff American Hero geht es zwar um dieselbe Ausgangsposition, nämlich sinkende Umfragewerte und eine anstehende Wiederwahl des Präsidenten, nämlich um George Bush den Älteren, aber es wird nicht ein fiktiver Krieg inszeniert, sondern ein reales Gemetzel geplant. Der Bush-Freund und Verbündete Saddam Hussein wird mit Geld und Waffenlieferungen animiert, Kuwait anzugreifen. Minutiös konzipiert wird zuerst die Vision irgendeines Krieges geboren, der die US-Nation wieder vereint hinter ihrem Präsidenten zusammenstehen lassen soll, dann werden potentielle Kriegsgebiete analysiert und die vielversprechendsten daraus ausgewählt. Anschließend wird wie bei einem Business-Plan erarbeitet, welche Vorteile und Zusicherungen man den Kriegstreibern anbieten könnte.
Dadurch fällt dann die Wahl auf Saddam Hussein, der sein Image in der arabischen Welt nach dem Iran-Irakkrieg wieder aufpolieren kann, indem er die Imperialisten angreift. Zwar nur in einem kleinen begrenzten Operationsgebiet, aber doch gleich David, der sich mit dem ungläubigen Goliath USA anlegt. Saddam erklärt sich ob der Vorteile, Bestechungsgelder und anderer Abmachungen bereit, wenn er nach dem Krieg Zugriff auf die Ölfelder Kuwaits behalten kann und ihm persönlich von den Amerikanern keine Gefahr droht. Dann wird das Personal für die mediale Inszenierung des Krieges, für die perfekte Propaganda ausgewählt und da fällt wie im Film die Wahl auf einen namhaften Hollywoodproduzenten. Zu guter Letzt wird zusammen mit dem Profi aus Hollywood ein Budgetplan erarbeitet, und die Idee geboren, dass man die EU für einen Großteil der Finanzierung und für die Abwicklung des Krieges mit einbinden, ergo die Kriegskosten breit umverteilen kann. Eine WIN-WIN-Situation sowohl für die USA als auch für Saddam Hussein … und so entsteht der zweite Golfkrieg.
Was auf den ersten Blick bei dieser politischen Intrige ein bisschen schräg anmutet, ist der Umstand, dass die meisten Figuren gar nicht fiktiv sind. George Bush als amtierender Präsident spielt ebenso sehr authentisch gezeichnet mit wie sein Stab, zum Beispiel Außenminister James Baker, der Politikberater Lee Atwater, Bushs Vorgänger Ronald Reagan und Jimmie Carter, Arnold Schwarzenegger als politischer Akteur, und viele andere mehr. Die Hollywoodregisseure und Schauspieler in Nebenrollen existieren auch fast alle wie Steven Seagal, eine angesprochene ehemalige Schauspielerin und Regisseurin mit lesbischen Tendenzen könnte Jodie Foster oder Angelica Huston sein. Als politisch informierte Leser*in mit ein bisschen Hollywood Know-How ist es wirklich schwer auszumachen, wo die Grenzen zwischen den Fakten und der Fiktion zu ziehen sind. Das ist so perfekt verwoben.
„Präsident Bush ist selten als Rassist oder Antisemit bezeichnet worden. Aber man könnte schon sagen, dass er ethnozentrisch denkt und bestimmte Gruppen von Menschen bevorzugt. Wenn man sich kleiner werdende, konzentrische Kreise vorstellt – wie Illustrationen zu den Ringen der Hölle aus Dantes Inferno -, dann bildeten die WASPs, die weißen, von angelsächsischen Vorfahren abstammenden Protestanten, den äußersten Ring. Die nächsten Ringe bildeten Männer, die Schlips und Kragen tragen, viel Geld haben und Golf spielen, in der Wirtschaft sind, von altem Geld abstammen, zum Establishment der Ostküste gehören, auf einer der acht Universitäten der Ivy League waren, sportlich sind, Yale absolviert haben, auf Privatschulen gingen, Mitglieder von Skulls and Bones sind und deren Väter ebenfalls Yale Absolventen waren.“
“ ‚Bushie‘, sagte Jim [James Baker] und lehnte sich in die Kissen an der Wandseite des Betts ‚Ich war gerade in Houston‘ … Beide liebten es, texanisch zu sprechen. Das war so eine Macho-Sache zwischen ihnen, bezeichnend für ihre Männerfreundschaft.“
Im Gegensatz zum Film ist der politische Aspekt in diesem Roman aber nur die ausnehmend gut konzipierte Hintergrundgeschichte. Im Haupterzählstrang im Vordergrund serviert uns der Autor eine ganz spannende, großartige, recht brutale Detektivgeschichte alten Stils á la Raymond Chandler. Da gibt es eine schöne Schauspielerin, Magdalena Lazlo, und den harten, kantigen, sehr männlichen Mitarbeiter eines privaten Sicherheitsdienstes, Joe Broz, im Nebenjob auch Private Investigator P.I., die durch diese politischen Intrigen irgendwie betroffen sind und denen etwas „spanisch“ vorkommt. Sie versuchen die ganze Geschichte lang herauszubekommen, was hier überhaupt für ein Spiel gespielt wird. Nichtsahnend, in welcher Dimension hier politische Ungeheuerlichkeiten vertuscht und umgesetzt werden sollen – sie denken es sei eine ganz normale Hollywood-Intrige – stechen sie in ein Wespennest aus Politikern, Geheimdiensten, privaten Auftragsmördern, Abhörspezialisten, Geldgebern und anderen Beteiligten. Da bei den vielen Protagonisten des perfiden Plans kaum einer in die eigentliche Absicht eingeweiht ist, ist es auch sehr schwer, durch diesen Filz an Intrigen zur Wahrheit zu gelangen. Nach der zwangsläufigen Liebesromanze zwischen der Schauspielerin und ihrem Detektiv wird in einem blutigen Showdown, der auch für einige der einem ans Herz gewachsenen Figuren nicht gut ausgeht, sowohl die Intrige aufgedeckt, als auch angedeutet, wie der reale Schriftsteller Larry Beinhart zu dieser explosiven Geschichte aus politischen Ränken gekommen sein soll.
Stilistisch und sprachlich ist das ganze Werk großartig, spannend, ein echter Pageturner, mit in ihren Stärken und Schwächen liebevoll konzipierten Figuren, der Plot sehr vielschichtig und klug aufgebaut. Der ironische rasante Schreibstil hat mich frappant an Tom Wolfes beste Werke erinnert, und das ist von meiner Seite aus als höchstes Lob zu werten, denn wenn ich mich bei einem 420 Seiten langen amerikanischen Roman keine Sekunde langweile, dann ist das außergewöhnlich.
Am Ende stellt der Autor Larry Beinhart ein paar verstörende Fragen zur Realität des echten Golfkrieges in Kuwait und im Irak, die mich erschaudern ließen, ob die ganze Geschichte wirklich nur Fiktion darstellt, oder nicht vielleicht doch von irgendeinem Whistleblower mit jugoslawischem Namen, verarbeitet in der Figur des Joe Broz (Pseudonym frei nach Tito), an Larry Beinhart weitergeleitet wurde und vielleicht tatsächlich so stattgefunden hat. Diese Verschwörungstheorie des American Hero ist auf jeden Fall realistischer als viele andere, weit weniger plausible Theorien, denen sehr viele Leute anhängen.
Sehr positiv herausstreichen möchte ich auch das umfassende Verzeichnis im Anhang, in dem nicht nur Quellen genannt, sondern auch politische Hintergründe sehr detailliert erläutert werden. Fast könnte man diesen Abschnitt schon als ein kleines politisches Sachbuch zum Roman bezeichnen.
Fazit: Eine rasante Mischung aus Macht, Politik, Krieg, Vertuschung, Medien, Hollywood, Agenten, Lüge, Liebe, Testosteron und Gewalt gepaart mit Humor. Detektivgeschichte, politischer Thriller, Satire und unkitschige Love-Story. Dieser Roman bedient alles zusammen. Absolute Leseempfehlung!

American Hero, Bild zum Roman (c) Alexandra Wögerbauer-Flicker – kekinwien.at
American Hero, Larry Beinhart