Und wie wir hassen! Lydia Haider (Hrsg.)

Und wie wir hassen! kekinwien.at

Normalerweise inszeniere ich an dieser Stelle immer ein Bild, das den Inhalt des Buches spiegeln soll.
Diesmal ist aber alles anders.
Mein Coverbild soll ironisch darlegen, wie Männer Frauen gerne sehen würden, wenn sie Kritik äußern.

Schmeck mein Blut

Wie kann frau an das Thema Hass im Netz herangehen?

Da kann zum Beispiel seitenlang über die Hassbotschaften, denen Frauen, die in der Öffentlichkeit stehen, vor allem digital permanent ausgesetzt sind, lamentiert und anschließend analysiert werden, warum die Situation eben so ist, wie sie ist. Oder frau wählt eine innovative Herangehensweise wie die Herausgeberin Lydia Haider, die sich ein sehr spannendes, neues Konzept für ihr Buch vorgenommen hat, indem sie einmal ausnahmsweise Frauen eine Bühne bietet, all ihren Hass in die Welt hinauszukotzen.

Das kann natürlich auch in die Hose gehen, indem das Ganze vom Niveau her sehr primitiv und tief angelegt ist, aber wenn für die fünfzehn geplanten Hetzreden sehr kluge, kompetente und des Schreibens mächtige Künstlerinnen für so ein Projekt eingeladen werden, schaut die Sache schon wieder völlig anders aus. Deshalb meine ich und sage es ganz unverblümt:
Dieses Hassbuch hat die Welt auf jeden Fall dringend gebraucht.

Lydia Haider sagte selbst in einem Interview zu diesem Buchkonzept:

„Die Hassrede ist vor einigen Jahren zu einer meiner schreiberischen „Spezialitäten“ geworden – seit damals schwebte mir auch vor, hierzu ebenso befähigte Frauen mit deren Hassreden in einem Buch oder bei Veranstaltungen zu versammeln. […]
Obwohl das etwas ist, von dem die Rechte und vor allem Männer glauben, dieser Bereich würde ihnen gehören. Nur ist das nicht so. Und nun gibt es Widerstand aus allen erdenklichen Richtungen.
[…] Es liegt mir fern, den Sinn des Hassens allgemein zu bewerten. In der Literatur, in meinen Texten widme ich mich dem Hass, da er in der Gegenwart überpräsent und zeitgleich in die falschen Hände geraten ist. Was so im Zentrum der Gesellschaft steht und die Menschen so bewegt – in eine sichtlich falsche Richtung – muss aufgegriffen, zigfach umgearbeitet und das Ruder damit herumgerissen werden.“

Deshalb legte Lydia Haider den Hass in die Hände von schriftstellerischen und feministischen Kapazundern wie Raphaela Edelbauer, Sibylle Berg, Gertraud Klemm, Stefanie Sargnagel und vielen anderen mehr und forderte sie auf, eine Hetzrede zu verfassen. Jede dieser Künstlerinnen ging völlig anders mit der gestellten Aufgabe um und das ist wirklich extrem spannend.

„Das Buch bietet eine größtmögliche Bandbreite an Hass auf höchstem Niveau: Übertriebenes und/oder ins Ironische Gebrochenes genauso wie erzählende Texte, aber auch Ernsthaftes. Ohne Grenzen, ohne Themenbegrenzungen, ohne Machogesten.“

Am besten haben mir fünf Herangehensweisen an das Thema gefallen

Da schmettert beispielsweise Sophia Süßmilch, eine deutsche Multimediakünstlerin, der Leserschaft eine vollständige Liste aller Dinge, die sie hasst, gar köstlich ironisch aufbereitet, entgegen. Das geht von Salzburg über Frankfurt über Yoga, BHs, Hoden, Achtsamkeit, Psychoanalyse, Doppelnamen, Kartoffeln, After Eight, gekippte Fenster, Pizza Hawaii, dreckige Lichtschalter bis hin zu Kindern.

„Ich hasse Salzburg.
Wenn ein wirklich schlechter LSD-Trip und die schlimmste Winterdepression, die du dir vorstellen kannst, miteinander ein Kind bekommen würden, es würde Salzburg dabei herauskommen, das Disneyland für Heimatkundler.

Ich hasse Gesellschaftsspiele.
Bumsen mit starken Regelschmerzen, die Steuererklärung machen, einen nassen Sandsack die Treppe hochtragen, Babys beim Schreien zuhören, nach Salzburg zum Sterben fahren … All das ist im Zweifelsfall sinnvoller und macht wesentlich mehr Spaß als Brettspiele.“

Oder Raphaela Edelbauer schrieb vor sieben Jahren an eine Literaturjury eine Rede, warum und wie sie sich nicht dem Fräuleinwunder-Diktat, dem sich junge Autorinnen zu unterwerfen haben, wenn sie erfolgreich sein und Preise gewinnen wollen, unterordnen kann. Nun hat sie es ja irgendwie trotzdem in den Hauptpavillon der Frankfurter Buchmesse geschafft und ein paar Preise eingeheimst. Deshalb richtet sie uns am Ende dafür eine Entschuldigung aus und kann sich nicht erklären, wie das zugegangen ist.

Sibylle Berg schreibt eine gruselig verstörende Geschichte über ihren Sohn, der sich von einem lieben Kind durch den Fußball und die Gesellschaft, in die er sich auf dem Fußballplatz begeben hat, zu einer Person entwickelt, die sie nicht mal mehr als ihr Kind akzeptieren kann.

Die Rechtsextremismus Expertin, Literatur- und Politikwissenschaftlerin Judith Goetz kotzt sich in ihrem Pamphlet über Männerbünde und schlagende Studentenverbindungen aus. Das ist auch extrem köstlich und Hass auf höchstem Niveau.

Die Schriftstellerin Gertraud Klemm schildert sehr humorvoll vier Zumutungen, die ihr so in ihrem Leben widerfahren sind, beziehungsweise permanent auftreten.

Bei so einer Vielfalt an Zugängen zu diesem Thema gibt es natürlich auch Passagen, die mir nicht ganz so gut gefallen haben. Für mich persönlich, die mit Lyrik nicht so viel am Hut hat, waren es beispielsweise die Gedichte der Aktionskünstlerin Ebow. Aber so hat natürlich jede und jeder andere, ganz spezifische Vorlieben. Genau das ist jedoch das Schöne an diesem Werk: die Breite und Variationen des literarischen Angebots zu diesem Thema.

Ach ja, sehr hilfreich waren die Kurzbiografien am Ende des Buches, die mir mehr über jene Autorinnen verrieten, die ich bis dato noch nicht gekannt habe. Sehr wohltuend habe ich auch empfunden, dass sich die Herausgeberin Lydia Haider ganz bewusst nicht in den Vordergrund ihres eigenen Buches gedrängelt hat, indem sie außer dem kurzen Vorwort in Form einer Hassrede keinen weiteren eigenen Beitrag verfasst hat. Sie tritt nach hinten und gibt die Bühne frei für ihre hochgeschätzten Kolleginnen.

Fazit: Leseempfehlung!
Ein wichtiges, notwendiges Buch für Jedermann und Jederfrau.
Hassvariationen und -pamphlete von klugen Frauen auf höchstem literarischen und mitunter satirischen Niveau. Für Männer manchmal vielleicht ein bisschen schmerzhaft, aber auch sehr witzig, auf jeden Fall aber extrem interessant. Schaut Euch ‚mal an, wie intelligente Frauen, die auch noch zu schreiben vermögen, diese Domäne zu interpretieren wissen.

 

Und wie wir hassen! Lydia Haider (Hrsg.), Bild (c) Alexandra Wögerbauer-Flicker - kekinwien.at

Und wie wir hassen! Lydia Haider (Hrsg.), Bild (c) Alexandra Wögerbauer-Flicker – kekinwien.at

 

 

Und wie wir hassen!

 

Lydia Haider (Herausgeberin)

Buchdetails

  • Aktuelle Ausgabe
  • ISBN: 9783218012102
  • Sprache: Deutsch
  • Ausgabe: Fester Einband
  • Umfang: 192 Seiten
  • Verlag: Kremayr & Scheriau
  • Erscheinungsdatum: 4. März 2020
  • gesehen um Euro 19,90

Keke Anmerkung der Autorin.: Der schräge Titel meiner Rezension „Schmeck mein Blut“ sollte eigentlich ursprünglich der Titel dieses Buches sein, wurde aber in der Annahme verworfen, dass dem Literaturestablishment so viel noch nicht zumutbar sei. Probieren wir mal, ob er bei uns Literaturfreaks ankommt.

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