In der Galerie IMERSTEN in der Sonnenfelsgasse 3 sind nur mehr bis zum 28. Oktober 2015 die vielschichtigen Arbeiten von Pauline Marcelle zu sehen.
Nicht versäumen!
Bilder von Strandgut am Meer erinnern an das vom Gelage gezeichnete Tischtuch einer großen Völlerei. Was die Wohlstandsgesellschaft an Textilien ausgemustert, gespendet, ausgeschlachtet hat, findet sich auch in Westafrika am Sandstrand wieder und inspirierte die Künstlerin dazu, noch näher hinzusehen.
Chronistin einer sich auflösenden Welt
nennt Christof Habres die Pauline Marcelle in seinem Katalogtext zur Ausstellung treffend. Ausgangspunkt der Arbeiten, die Kollagen, Skulpturen, Malerei über sieben Jahre hinweg umfassen, sind Fotografien dieses seltsamen Strandguts.
Die Strukturen von Sand, Kleidungsstücken, Plastikteilen und sonstigem Unrat dienen als Strukturgeber, Ornament, Grundmuster, Hintergrund und tiefste Gedankenebene.
Der Betrachter kann diesen Ursprung als Denkanstoß annehmen oder bloß als Muster wahrnehmen. Die Vielschichtigkeit ensteht im Auge des Betrachters.

Katalogpräsentation, bend down boutique: non-spaces, Galerie imersten, Foto (c) Pauline Marcelle
Flucht und Fluchten
Marcelle beobachtet die von der übersättigten Wohlstandsgesellschaft der ersten Welt gespendeten Kleidungsstücke auf ihrem Weg in die anderen Welten. In weiterer Folge betrachtet sie dann nicht nur die Reise der Textilein, sondern auch die der Menschen selbst. Sie sieht sie im Waschsalon, auf Karawanen, in all den Warteräumen des Transits.
Jene Ölbilder, die die geschniegelte, teils monströse Architektutr meiner Welt in akribischer, fast fotorealistischener Ausführung den organisch anmutenen Mustern vom Strand gegenüber stellen, sind mir die liebsten. Sie ziehen einen ins Bild, in die Scherenblätter zwischen Reich und Arm, der Mensch wird zum Muster minimiert, der Einzelne ist nur mehr Teil des optischen Systems.

bend down boutique, 81 und 80, Pauline Marcelle, Foto (c) Pauline Marcelle
bend down boutique: non – spaces
Namensgebend für die aktuelle Schau und den gelungenen Katalog waren die in Afrika einfach am Boden zum Verkauf aufgelegten Kleider – zum Beispiel aus den Humana Containern. Wir aus der Wegwerfgesellschaft verbrauchen pro Jahr 18 Kilogramm Kleidung unterschiedlichster Qualität. Pauline Marcelle schärfte auch hier nicht nur ihren Blick und begann im Freundeskreis Labels zu sammeln, die dann in spannende Collagen einflossen.
Diese „Markerl“ vom nordischen Billiganbieter, über viele von Mittelklassemarken bis hin zu denen der Haute Couture bilden eine ironisch anmutenden, verkehrte Skyline in der zentralen Arbeit der Schau (Silk City,120cm x 160cm, Öl auf Leinwand).
Interessant auch, dass so mancher und manchem das Herausschneiden des Labels aus teuren Kleidungsstücken gar nicht so leicht fiel. „Ich habe einmal ein Kleid von Marc Cain von einer Freundin geschenkt bekommen. Nach dem Entfernen des Labels fühlte ich mich plötzlich wie in einem Ein-Euro-Kleid!“, berichtet die Künstlerin offen auf der Katalogpräsentation über ihre persönliche Erfahrung.
Fazit: „bend down boutique: non-spaces“ ist eine sowohl intellektuell, als auch emotional berührende Ausstellung, die man nicht versäumen sollte!

bend down boutique 65, Pauline Marcelle, Foto (c) kekinwien.at
bend down boutique: non – spaces
Pauline Marcelle
IMERSTEN
Sonnenfelsgasse 3, 1010 Wien
Tel.: +43 699 19084995
E-mail: office@imersten.com
web: www.imersten.com
Die Schau läuft nur mehr bis inklusive 28. Oktober 2015!
Öffnungszeiten: Di bis Fr 11.00 – 18.00 Uhr, Sa 12.00 – 16.00 Uhr
Kurator: Lucas Gehrmann (Kunsthalle Wien)
Pauline Marcelle
wurde 1964 in Dominica geboren, sie lebt und arbeitet dort und in Wien.
web: www.paulinemarcelle.com
Der Kalalog ist im Metroverlag erschienen und im guten Buchhandel um Euro 30,- erhältlich.
Einführung von Christof Habres, mit weiteren Texte von Blake Alan Daniels, Dr. Renee Gadsden und Lucas Gehrmann; ISBN 978-3-99300-243-5.