APPEARANCE Horst Stein, anika handelt Galerie, copyright anika handeltVernissagen können lässig sein, Finissagen sowieso.
Zu wenig beachtet man manchmal das Begleitprogramm, das Museen und Galerien mit viel Aufwand meist kostenlos anbieten. Schade eigentlich.
Kek war auch deshalb beim Künstlergespräch zwischen dem Kurator Herbert Justnik und dem Fotografen Horst Stein in der Galerie anika handelt. Und etwa zwanzig andere vergnügte Menschen auch.

Ein lauer Wind lässt die Galeriebesucher mit Brot und Wein aus der Galerie in die Abendsonne treten. Der Wein ist aus Österreich, das Brot vom Türken, beides gut, wir sind auf dem Yppenplatz.
Die Galeristin Agnes Reinthaler bemerkt das Bedürfnis ihrer Besucher und eine weiße Couch wird herausgetragen und auf den Platz gestellt. Sympathisch.

Das ist das Wort des Abends. Horst Stein benützt es einige Male. So wählt er für seine Diptycha in Schachtelrahmen das Format 50×50 cm und ermöglicht so dem Betrachter einen „sympathischen Abstand“ zum Bild.
Das Diptychon – ein zweigeteiltes Bild – hat er wohl gewählt, weil er mit dem perfekten Moment spielt, mit einem wichtigen Wesenszug der Fotografie an sich, nämlich den richtigen Augenblick festzuhalten.
Stein erdachte dazu ein ebenso spannendes wie strenges Konstrukt:
auf langen Spaziergängen durch europäische Großstädte ist er auf der Jagd nach dem Unbemerkten, der besonderen Kleinigkeit im Stadtbild. Das kann ein Mauerfleck sein, ein Rinnsal auf dem Gehsteig, ein Loch in einer Wand, …gesucht, gefunden platziert er seine Kamera, digital oder analog ist ihm dabei egal, und wartet. Im geeigneten Abstand zum gefundenen Objekt, manchmal in Gefahr, dass ihm der vorbeifließende Verkehr den Allerwertesten abfährt, bei gutem Licht, manchmal Stunden, manchmal bloß wenige Augenblicke.
Und dann drückt er wieder ab:
beim ausnahmslos ersten Menschen, der ihm ins Bild läuft und zu genau dem Bruchteil einer Sekunde, wenn dieser das Objekt im Fokus möglicherweise auch entdeckt und es gleichzeitig verdeckt.

Justnik bezeichnet das im Künstlergespräch als „Paradoxon des kontrollierten Kontrollverlustes“ und Stein sagt selbst, dass er „dem Zufall radikal ausgeliefert ist. Ich bin wie ein Attentäter, der nur einen Schuss hat!“
Stein produziert durch gute Vorbereitung und diverser Selektionschritte weniger Ausschuss als man erwarten würde und aus der Bildhauerei kommend, interessiert ihn natürlich auch die Veränderung des Raumes an sich.
Zeit und Raum werden mit Regeln und dem Zufall verknüpft.

Das enge Konzept ermöglicht im ersten Bild ein ungestörtes, eher zweidimensionales, flaches, unbewegtes Bild, das etwas sonst Unbemerktes ins Zentrum rückt.
Das zweite Bild öffnet den Blick dann auf ein Lebewesen (meist Mensch, ein Mal Hund, ein Mal Taube), das durch seine Anwesenheit auch den Raum für den Fotografen und später dann für uns Betrachter eröffnet:
es entstehen berührende Einlicke auf einen Ausschnitt der Welt; manchmal sind sie ironisch, immer wach, gelegentlich traurig, schön, oft witzig, letztlich liebevoll.
Sehr sympathisch.

anika handelt Galerie am Yppenplatz 5der Kurator Herbert Justnik (links) mit dem Fotografen Horst Stein vor dessen ArbeitenHorst Stein bei anika handelt Galerie im KünstlergesprächHorst Stein fotografierte für APPEARANCE im öffentlichen Raum in europäischen Städten

 

 

 

 

 

 

 

 

APPEARANCE 2009-2012 Horst Stein

bei anika handelt Galerie
Yppenplatz 5, 1160 Wien
Tel.: 0699 / 106 81 871
E-mail: reinthaler@anikahandelt.com
website: www.anikahandelt.com

Öffnungszeiten: Do und Fr 14.00 – 19.00 Uhr, Sa 10 – 13.00 Uhr und auf Anfrage.
Die Ausstellung läuft noch bis zum 16.6.2012!

Preise:
50 x 50 cm x 2, C-Prints auf PVC kaschiert, Auflage 5+2 A.P., Euro 1.800,-
21 x 21 cm x 2, C-Prints gerahmt, Auflage 3+2 A.P., Euro 800,-

website des Künstlers: www.horststein.eu

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