„Ich weiß, ich will schreiben.“
been Orelian über been Orelian
„The singer sounds like Jim Morrison and dances like Jarvis Cocker.“, ein Konzertbesucher der WarHoles über Been Orelian.
Im Rahmen der unregelmäßigen Interviewreihe „lebt und arbeitet in Wien“ trafen wir been Orelian im April 2015 im beimir.
Kann man in den Kopf eines anderen hinein, wenn man ein paar Stunden mit ihm spricht? Tatsächlich sucht man die Spuren des Interviewpartners im Netz, nicht zu viele, nicht zu tiefe, weil das Bild soll den Eindruck nicht stören. Danach bei der Transkription des Gesprächs erlebt man alles ein zweites Mal. Man verbringt viel Zeit mit einem Menschen auf der Suche nach ihm. Und selten war diese Zeit so spannend wie mit dem Künstler und der Kunstperson been Orelian.
kek: Was bist du von Beruf?
been Orelian: „Ich bin Schrifsteller, Poet und Musiker.“
Das sind drei Berufungen?
„Nein, das ist mein Beruf.“
been Orelian, WarHoles, Mucous Membrane
Typisch been Orelian: mit einer großen Portion Mutterwitz gesegnet, schlau, charmant, smart, eloquent. Auf Facebook findet man bei der Info „Equivocator bei Mucous Membrane, Narrator bei been Orelian und Vocal Artist bei WarHoles“.
Die WarHoles machen garage punk oder wie hat es Michael Hinterseer so schön gesagt:
„Bleiben wir mal bei den Stromgitarren. Wer fetzen sagt, muss ‚WarHoles‘ sagen. Es ist, als hätten ‚Queens of the Stone Age‘ eine Zeitreise gemacht und Jim Morrison eingepackt. ‚Eventually we come in peace‘ steht auf ihrer Homepage. Und hört man ihre Tracks, glaubt man das auch. Garagerock vom Feinsten, dicke Soundbretter, schnelle Riffs. Und das, ohne dabei protzig zu wirken. Diese Burschen gehören verdammt nochmal auf Festivalbühnen, in die Staubwolken der Crowd, vor übertriebene Boxentürme und bandlogotätowierte Groupies!“
Been Orelien ist ein Geschenk von einem Interviewpartner. Ich spreche von diesen wunderbaren Termine, für die man eine gute Stunde einplant und dann vier Stunden später immer noch zusammen hockt, trinkt, redet, lacht, weil man das Glück hatte einer facettenreichen, kreativen Persönlichkeit zu begegnen.
Ich dachte „diesen pubertäre bullshit will sowieso niemand hören.“
Seit er 12 Jahre alt ist schreibt been Orelian Gedichte, seit er 23 ist trägt er sie auch öffentlich vor. Er hatte sich lange gegen die Bühne gewehrt. So kann man irren.
Dass er aus Niederösterreich, seinem Ursprungsplatz geflüchtet ist, nach Wien „ins Exil“, wie er sagt, war hingegen goldrichtig. Der Poet ist seit 2011 „Wiener Staatsbürger“. In der alten Heimat wollte auch keiner Hochdeutsch hören aus seinem Mund. Ein weiterer Umstand, der dazu führte, dass er die Verbindung zur deutschen Sprache mehr und mehr verlor.
Er textet auf English und spricht es privat. Die Arbeitssprache ist die Alltagssprache. Es ist british, weil er dort schon oft war, im UK. Dass mit dem Deutsch hört man übrigens nicht. Seine Ausdrucksweise ist bildreich, er schöpft aus einem riesigen Wortschatz und tut dies schnell und mit schöner Stimme. Dem Mann kann man getrost stundenlang zuhören ohne sich zu langweilen.
„Meine Familie war zuerst dagegen, das ich Musiker werde. ‚Künstler‘ war ein Unwort. Besonders bei meinem Großvater und bei einem Onkel war es stark negativ belegt. Man braucht einen Beruf, Sicherheit! Mein Vater hat mich dann etwa 50 Meter von der elterlichen Wohnung entfernt bei einem Auftritt gesehen. Dann hat er es verstanden und mich nie gehindert.“
Student, Bestatter, Buchhändler
Wir stellen die unausweichliche Frage: Kannst du von der Kunst leben?
„Es gibt einen Brotberuf. Nach der Matura habe ich einige Studienversuche hinter mir gelassen. Ich weiß, ich will schreiben. Ich war für ein halbes Jahr Bestatter, eine Art Zeremonienmeister; man braucht Respekt und entwickelt diesen Monty Python Humor. Ich wurde übrigens ‚mal für tot erklärt, aber das ist eine andere Geschichte … Jetzt bin ich in einem großen Zeitschriftenladen als Buchhändler angestellt.“
Er erzählt vom Schichtdienst auf dem Bahnhof. Man kann ihn sich dort großartig vorstellen, an diesem Ort des Ankommens und der Abschiede. Er verwöhnt uns mit einer Alltagsgeschichten der besonderen Art: KHG war da. Kaufte sich eine Zeitung, hinter ihm eine lange Schlange beim Zahlen. „Brauchen Sie eine Rechnung?“ fragte Been Orelian, der Buchhändler, den ehemaligen Finanzminister abkassierend. Die Situationskomik entging der Schlage nicht: Gelächter. KHG wollte übrigens keine.
Das Schreiben führte zum Lesen, zum Vorlesen und zur Musik.
„Ich war von der Angewandten eingeladen zu lesen. Das war das 1. Mal auf Englisch, seit dem mache ich es nur mehr so. Bis jetzt traut sich keiner mich zu verlegen, aber es gibt einen bebilderten Gedichtband als Dummie. Einen Verleger zu finden ist ja für deutschsprachige Gedichte schon schwierig …“
Die Wiener Zeitung leistet sich den Luxus der Lyrik und druckt die Gedichte des Stephan Eibel Erzberg regelmäßig im Feuilleton Teil ab. So viel Glück hat nicht jeder.
„Ich habe immer ein Notizbuch und einen Stift bei mir.“
Wann und wo schreibst du?
„Ich schreibe immer und überall, gerne fernab jeglicher Zivilisation. Am besten geht es witzigerweise an fließenden Gewässern, an der Seine in Paris zum Beispiel.“
Die nächste Lesung gibt’s im November 2015 im Cafe Anno, Lerchenfelderstr. 132 im 8. Bezirk. Dort hat er auch den Drummer für seine Band, die WarHoles kennengelernt. Und dessen Pseudonym, steht am Stehpissoir des Anno: Ion Illus . An der Gitarre werkt Oz Huxley, man vermutet das Richtige.
Und „been Orelian“?
„Ja, ‚been‘, das wirft immer Fragen auf. Warum sollte man nicht schon etwas gewesen sein?“
Man mag, wie dieser Mann denkt.
„Für ‚Orelian‘ habe ich schon massig Interpretationen gehört. Es soll ‚Gold‘ bedeuten oder etwas mit einem altägyptischen Engel zu tun haben. Aber es gab auch schon Assoziation zu Mr. Bean.“
Er lacht, alle lachen.
Die Band. Eigentlich sind es zwei.
Seit 2011/12 gibt es die WarHoles und seit kurzem ein neues Projekt, das ganz anderers vorhat: ein Cabaret Noir, düstere Gedichte auf einem Soundteppich. Das Projekt Mucous Membrane besteht aus been Orelian (vocals) und Tryballot (noise, loops’n’strings).
„Ursprünglich sollte es ja nur der Unterstützung meiner Lyrik dienen, aber dann ist es doch irgendwie wieder eine Band geworden. Ich möchte niemals covern müssen.“ Das kommt aus tiefster Seele. „Ich kann mir nicht vorstellen wie das damals für den war, der es geschrieben hat.“
Es geht um das Authetische, Ursprüngliche. Das ist wichtig.
Plötzlich wird es mir ernst zumute. Es ist einer dieser raren Momente, wo man jemandem gegenübersitzt, der sagt, was er denkt, es meint, der tut, was er tut, weil er wirklich etwas zu sagen hat. Das Wort „wahrhaftig“ kommt mir in den Sinn.
„Es wird immer behauptet, ich bin der Bandleader. Ich bin die Rampensau, mit vollem Körpereinsatz. Meine erste Performance hatte ich mit knapp 13 Jahren in einem Kindermusical. Heute ist es anders, wenn man selbst verantwortlich ist. Früher war ich sehr nervös, aber jetzt ist es dieser Moment, der ultimative Kick, wenn man auf die Bühne geht und ich finde es jedes Mal schade, wenn’s vorbei ist. Ich liebe es live zu spielen. Jedes Konzert ist anders.“
Ein paar Worte zur Österreichischen Musikszene?
„Es gibt kaum eine Band, bei der die Mitglieder nicht irgendeinen anderen Job haben. Wir sind halt anspruchsvoll, eine Nische.“
5/8 erl in Ehren haben beim Amadeus Music Award verlauten lassen, dass die Jammerei endlich aufhören solle und sie sehr wohl alle sehr gut von ihrer Musik leben könnten.
„Die 5/8erl sollen bitte ‚mal verraten, wie man das macht. Die Welt ist ein Pawlowscher Hund. Wenn die Musikindustrie ihren Job richtig machte, müsste man sich nicht gegenseitige den Zucker in den Arsch blasen. Der Amadeus ist ein Industriepreis. Das sollte man den Menschen ins Gedächtnis rufen. Der Preis ist nicht für die Künstler. Mein Ziel ist es Musiker und Texter zu sein. Der Film 20.000 Days On Earth über Nick Cave ist zum Beispiel großartig. Mein Ziel ist es, mein Ding zu machen!“
Hast du Vorbilder außer Nick Cave?
„Patti Smith. Und mein Mädchen, die Verkörperung des Rock’n’Roll Geistes – auch ein Vorbild für mich.
Nick Cave auch als lyrischen Sänger. Sonst gesanglich Jay Buchanan von den Rival Sons. I had my first ‚eargasm‘ at the concert.“ (Arena, 30.11.2014, wir waren auch da und schließen uns vollinhaltlich an!)
Konsumierst du Musik?
„Ich besuche gern Konzerte, etwa ein Mal im Monat, unlängst die New York Wannabees im Einbaumöbel. Da stoße ich oft auf interessante Vorbands. Platten kaufe ich bei recordbag, dort betreuen mich Silvia und Andi.“
Vinyl?
„Vinyl.“
Soll man Musiker werden?
„Auf jeden Fall! Ich hatte als Kind eine Gesangsausbildung im Rahmen der Kindermusicals bis zum Stimmbruch und ich lernte durch Imitation. Unterricht in Atemtechnik oder Gesang gab es danach nie mehr. Aber es steht immer Rotwein auf der Bühne.“
Wir machen überall Musik, wo man uns lässt!
Ist das Wiener Publikum schwierig?
„Das ist gemischt. Tritt man für eine freie Spende auf, dann scheint die Musik plötzlich nichts mehr wert zu sein. Das Publikum lässt sich bitten. Es ist überhaupt schwierig. Wie kommt man zum Beispiel ins WUK hinein? Sie nehmen keine Bands, man wird mit billigen Ausreden abgespeist. Wir würden gern im brut spielen oder am Karlsplatz beim Popfest. Mir ist egal, ob wir um 3.00 oder 4.00 Uhr früh auftreten. Das Problem ist, dass wir keine Platte draußen haben. Von unseren Konzerten ist noch jeder begeistert von dannen gezogen.“
Man glaubt es ihm. Und wenn man sich das hier ansieht, weiß man, dass es wahr ist.
„Wir machen keinen Mainstream. Mainstream ist das, was man der Mehrheit als gut einredet. Man schwimmt im Strom und die Richtung wird von jemand anderem vorgegeben. Außerdem wird die Österreichische Musik immer mit einem gewissen fehlgeleiteten Patriotismus zusammengewürfelt. Die Interpreten wären dann die Bewahrer der Tradition.“
Der Meister und Margarita
Du hast einen Kurzfilm gemacht und schreibst gerade an einem Drehbuch für deinen ersten Langfilm. Worum geht es darin?
„Um den Teufel, aber so dass die Geschichte nicht dem Klischee erliegt.Die WarHoles haben ja einen Song ‚Master and Margarita‘. Dieses Buch lese ich jedes Jahr. In meinem Drehbuch ist der Teufel eine missverstandene Kreatur. Es gibt nicht Himmel und Hölle, sondern eine Welt hinter der Welt. Die Engel fungieren als Entwicklungshelfer. Insgesamt ist es ein Seitenhieb auf die fanatische Auslegung von Religion.“
Der Mann ist auch Filmemacher und Drehbuchautor. Das hat er am Anfang wohl vergessen zu erwähnen. Ein Multitalent.
Wir bitten zum wordrap: Kunst, Essen Kino!
„Kunst heißt für mich Fotoausstellungen, Pop-Ups. Mona Hermann zum Beispiel, Events in Verbindung mit Lesungen. Ich besuche Museen, ich habe aber kein Lieblingsmuseum. Ich mag Schiele und Klimt.“
„Was Essen betrifft: ich habe zwei sehr gute Freunde, die Köche sind. Da lade ich mich manchmal selber ein (lacht), aber ich kann auch passabel kochen. Ich trinke gern Whiskey und Rotwein, besonders Cabernet Sauvignon. Und mein Stammlokal ist das Cafe Anno.“
„Ins Kino locken mich nur wirklich interessante Filme. Mich nerven dort aber die Handys. Und dass man im Kino rauchen darf, würde ich wieder einführen. Unlängst habe ich wieder ‚Der 3. Mann‘ gesehen, toller Film. Mein letzter Lieblingsfilm war Only Lovers Left Alive, ich mag Jarmusch. Wenn, dann gehe ich ins Burgkino oder ins Haydn. Ach ja, Oh Boy war auch gut, deutschte Filme gehen auch. Bei manchen Filmen muss man sich durchkämpfen: Bei ‚Oh Boy‘ bin ich ein paar Mal eingeschlafen. Fernseher habe ich keinen.“
Zum Schluss stellen wir noch die Gute-Fee-Frage: Was wünscht du dir?
„Eigentlich gar nichts. Es ist auch gar nichts wert, was man sich nicht erarbeitet hat. Autarkie ist wichtig.“
Wir danken für das Gespräch.
been Orelian
„There never will be beauty without pain and there will never be love if it’s not worth to fight for… “ (Been Orelian)
Termine:
16.5.2015 Wiener Neustadt, Triebwerk
13.6. 2015 Ottensheim, Open Air (plus zwei weitere Bands)
25.6. 2015 Wien, Cafe Carina mit Cry Baby
16.10.2015 Hamburg, Reeperbahn (mit boeser wolf, o2y)
Web:
https://beenorelian.wordpress.com/2015/04/12/inventing-the-world-of-0-an-unfinished-draft/
WarHoles
https://www.facebook.com/beenorelianofficial?fref=ts
unstarthreatened
been Orelian
covered in black and nameless
can’t leave her in bloom
cower in shades and bareness
I am the one at her feet
she wears strangeness as a brand
she wears strangeness as a brand
and uses a tongue from tv land
she’s blown up all the divine
and their heavens too
now we are looking for a safe place
to be lost all day long
she wears strangeness as a brand
she wears strangeness as a brand
and uses a tongue from tv land
she took me with a sensation
then she took it all
her mother made her of trouble
but I knew from that moment on
from that moment on
I want to take her home
so easy to get my confession
take off the dress and lay down
I was braying all out
and shouting your name
and you want all my secrets
this will kill us both
and you want all my secrets
I am what I am
she took me with a sensation
then she took it all
her mother made her of trouble
but I knew from that moment on
from that moment on
I want to take you home