Im freien Fall
Ich mag dieses Milieu und die Sprache des Romans überhaupt nicht. Die Protagonisten sind ordinär, primitiv, gewalttätig, hasserfüllt und gleichzeitig auch lamentierend weinerlich. Die Stimmung ist siffig, alkohol- und drogengeschwängert, sexuell anrüchig – also extrem tief.
Und dennoch ist ‚Man Down‘ es ein gutes, sehr kraftvolles Buch …
Im Roman von André Pilz wird dem Leser eine authentische, unangenehme Welt mit Macho-Verliererattitüde geschildert, bei der ich als Leserin nach jeder Zeile unbedingt wissen wollte, wie es weitergeht. So funktioniert gute Literatur, die primäre Todsünde ist Langeweile, alles andere ist bei mir zumindest sekundär.
Eine großartige Geschichte
Kai ist 25 und am Ende: Bei seiner Arbeit als Dachdecker ist er heruntergefallen, hat sich schwer verletzt und ist nun arbeitslos, pleite und perspektivlos. Eine Weile kämpft er noch gegen den freien Fall, wehrt sich gegen die Abzocke seines Ex-Chefs, ihn um seine geleisteten Überstunden zu betrügen, borgt sich von den falschen Leuten Geld, um die Zeit, in der er sein Recht erkämpfen möchte, zu überbrücken. Als er glaubt, völlig am Boden zu liegen, öffnet sich eine weitere Falltür (welch eine herrliche Analogie!), die ihn in ungeahnte Tiefen stürzen lässt. Der weitere Abstieg ist vorprogrammiert: Arbeit als Drogenschmuggler, um das geliehene Geld zurückzuzahlen, eine extrem problembehaftete Liebe und Beziehung zu einer Frau mit ähnlicher Biografie, ein krimineller – eigentlich komplett verschlagener falscher Freund – und zu guter Letzt der Showdown mit dem Rücken zur Wand am Abgrund, der dennoch eine Art Befreiungsschlag darstellt. Eine großartige Geschichte!
Vom Suhlen im Versagen
Sprachlich hat das Werk sicher Anleihen beim Altmeister des tiefen Macho-Romans Charles Bukowski genommen, wobei der verbale Stil perfekt auf die abgewrackten deutschen Vorstädte und Glasscherbenviertel der heutigen Zeit transferiert wurde, in der Leute mit Migrationshintergrund Tür an Tür mit Nazischlägerversagern wohnen. Aber die harten, knackigen Macho-Figuren von Kai und Shane sind nicht ganz so überzeichnet wie bei Bukowski, sondern es schleicht sich eine weinerliche Selbsterkenntnis, eine Auseinandersetzung mit dem und Suhlen im Versagen ein. Das gefällt mir fast besser, da die Figuren weitaus besser entwickelt und realistischer gezeichnet sind.
Auch die Liebesgeschichte ist starker Tobak.
Sie ist ein bisschen vergleichbar mit der Stimmung von Wir Kinder vom Bahnhof Zoo der 1980er Jahre, erzählt aus der Sicht eines „alternden“, nunmehr erwachsenen Detlef, Freund von Christiane F. Statt Heroin werden nun zeitgemäß wahlweise rezeptpflichtige Schmerzmittel kombiniert mit Alkohol, Ecstasy oder Pilze eingeworfen und anschließend noch kiloweise Gras geraucht, um wieder runterzukommen. Marion, die große Liebe von Kai, hat ihre eigene furchtbare, geheimnisvolle Geschichte, und eben diese öffnet letztendlich auch die letzte Falltür für unseren Helden bzw. Anti-Helden Kai.
Eine klare Empfehlung, aber …
Ich kann die Begeisterung von vielen für diesen Roman sehr gut verstehen. Ein großartiger Plot, wundervolle Figurenentwicklung, aber eine Welt und eine Sprache, die gar nicht angenehm sind. Da ist nichts ein bisschen subtil oder umschrieben, alles wird dem Leser quasi gewalttätig mit einem primitiven Holzhammer eingebläut. Auch dass jemand mit diesen typischen Versagerfiguren, der Welt, dem Hass und der Sprache so gar nix anfangen kann, ist völlig verständlich. Ich bin ein ganz kleines bisschen ambivalent, liebe die Stärke der Geschichte, die Spannung, mag die Welt nicht, gebe aber trotzdem oder vielleicht sogar deshalb eine klare Leseempfehlung aus.
Fazit: Starker Tobak! Nicht für jedermann! Ein weiterer, weniger bekannter österreichischer Autor, den man beachten sollte.

Collage zum Buch Man Down von André Pilz, Bild (c) Alexandra Wögerbauer-Flicker
Man Down. André Pilz
Buchdetails
- Aktuelle Ausgabe: 18. August 2017
- Verlag: Haymon
- VerlagISBN: 978-3-7099-7891-7
- Taschenbuch: 328 Seiten
- gesehen um Euro 21,00 im guten Buchhandel
(Beitragsbild: Collage zu Man Down von André Pilz, Bild (c) Alexandra Wögerbauer-Flicker)