Amour heißt der neue Haneke, vergoldet in Cannes und offenbar jetzt auch an den österreichischen Kinokassen, denn am letzten Sonntagabend war im Votivkino kein einziger Platz mehr frei.
Ich gestehe, das allein hat mich schon glücklich gemacht: ein typisch österreichischer „Feel-Bad-Movie“ (New York Times) lässt die Kassen klingeln.
Du sollst Dein Publikum nicht unterschätzen.
In diese Gefahr kommt Haneke nie.
In bewährter Ästhetik ohne Musik (außerhalb der Handlung), mit langen Einstellungen, die die Schauspieler fertig tun lässt, was sie eben tun, erzählt er die Geschichte eines betagten Ehepaares: gerade so distanziert, dass man betroffen ist, gerade so grausam, dass man es noch erträgt.
Anne und Georges lieben einander.
Respekt und Wertschätzung, Vertrautheit und Autarkie, Lassen und Helfen sind im Ausgleich.
Gern nimmt man zu Beginn an ihrem gut situierten, kultivierten Leben teil.
So mag man sich’s selbst vorstellen mit der/dem Liebsten alt zu sein.
Doch Anne erkrankt schwer und das Paar hat neben der schwierigen Reorganisation des Alltags auch andere neue Herausforderungen zu meistern: wo ist die Würde in Gefahr, die des Partners, die eigene, die als Paar? Wie will man sterben? Wo endet die Selbstbestimmung? Ist Todessehnsucht einer Depression geschuldet oder der Wunsch nach einem echten Freitod? Wie großes Leid eines geliebten Menschen kann man ertragen?
In die Liebe des Paares mischt sich Verzweiflung, Erschöpfung zum Schluss.
Das Verhältnis zur Tochter (Isabelle Huppert) erscheint merkwürdig unterkühlt, subtil werden auch die anderen Sozialkontakte des Paares beleuchtet: ich muss an eine Insel denken.
Im Kinopublikum hört man manchmal ein Raunen, Laute des Erschreckens, niemand bleibt unberührt.
Ein schöner Film.
Und auch, wenn man mit der Liebe und dem Tod gerade gar nichts am Hut hat, ist er eine Verpflichtung:
Emmanuelle Riva und Jean-Louis Trintignant wird man wohl nie wieder so großartig sehen können.
Für Fans von Haneke, für Oscars, für Menschen mit Herz und Hirn.
Amour. Liebe. Love
2012, Österreich/Deutschland/Frankreich, 127min
Drehbuch und Regie: Michael Haneke
Mit Emmanuelle Riva, Jean-Louis Trintignant, Isabelle Huppert,…
FSK 14 Jahre
Amour gewann den Oscar in der Kategorie bester fremdsprachiger Film und läuft derzeit in vielen Wiener Kinos.
Die Originalfassung mit Untertitel ist sicher eine gute Wahl, mit solidem Schulfranzösisch kann man vermutlich auf die Untertitel verzichten.