Das hätte sich Arthur Schnitzler wahrscheinlich zu Lebzeiten auch nicht träumen lassen, dass sein „Reigen“ zum immerwährenden Dauerbrenner mutiert, nachdem die Uraufführung unter Androhung von Haft eigentlich verboten wurde.
Mit 360 läuft im Moment nach zahlreichen Verfilmungen des Stoffs wieder einmal ein Film im Kino, der sich die Anlehnung an Schnitzlers Reigen erlaubt.
Und alle sind sie dabei: Anthony Hopkins, Jude Law, Moritz Bleibtreu, Johannes Krisch,…
360 ist ein Episodenfilm mit Schauplätzen rund um die Welt von Wien, London, Paris, Denver bis Bratislava.
Ein Geschäftsmann, dessen Verabredung mit einer Prostituierten ins Wasser fällt.
Ein Fotograf, der zur gleichen Zeit ein Verhältnis mit der Ehefrau des Geschäftsmann hat.
Eine junge Frau, die den Fotografen verlässt, als sie sein Fremdgehen entdeckt und sich auf den Weg nach Brasilien macht. Ein Sexualstraftäter, der am Flughafen auf diese junge Frau trifft und versucht ihr zu widerstehen.
Es geht um diverse Begegnungen, um Versuchungen, Verliebtsein und um das Verlassenwerden.
„Doch im Gegensatz zu seiner Vorlage sind die Menschen in ‚360‘ nicht durch Sex und die gemeinsame Geschlechtskrankheit miteinander vernetzt. Ihre Verbindungsadern sind Handys, Hotels und Flugzeuge und Bahnhöfe.“ (Focus)
Episodenfilme sind ein schwieriges Fach. Entweder genial oder total daneben.
Wer tatsächlich Schnitzlers Reigen in diesem Film zu finden versucht, wird enttäuscht sein. Zwar beginnt und endet der Film mit einer Prostituierten in Wien, das scheint mir aber schon die einzige Gemeinsamkeit.
„In schickem visuellem Gewand, dramaturgisch der Kreisstruktur von Arthur Schnitzlers Reigen verpflichtet, erzählt er dann aber doch lieber Geschichten von Liebe, Ehe, Treue – mit ganz, ganz viel Moral. So modern das alles? Oder so konservativ? Ist unser bereits in die Jahre kommendes 21. Jahrhundert derart retro, dass es sogar jenes ferne Fin de Siècle, in dem Schnitzler seinen Bühnenschocker schrieb, grausen würde?“ (Die Zeit)
kek findet 360 durchaus sehenswert, auch wenn er für unsere Begriffe einiges schuldig bleibt, kratzt er doch nur an der Oberfläche. Aber vielleicht ist genau das symptomatisch für die Liebe im 21. Jahrhundert? Sven Hillenkamp liefert dazu übrigens die passende zeitgeistige Lektüre.
Eine interessante Sache zum Schluss: angeblich hätte Karl Markovic die Rolle des Rocco spielen sollen. Schließlich übernahm aber Johannes Krisch diesen Part und ist dabei wie immer großartig!
Ach, da wär‘ noch etwas.
Die Musik im Film ist genial und passt immer zum jeweiligen Land.
Mein Favorit Tin Hat Trio und Tom Waits „Helium Reprise“
Für Verwirrte und Versuchte, für Wienfans.
360
2011, Großbritannien/Österreich/Frankreich/Brasilien, 115min
Drehbuch: Peter Morgan
Regie: Fernando Meirelles
mit Anthony Hopkins, Jude Law, Rachel Weisz, Ben Foster, Moritz Bleibtreu, Johannes Krisch, Maria Flor,…
FSK 17 Jahre
360 läuft zur Zeit in vielen Wiener Kinos.