Wer schon ‚mal einen Bericht über den spanischen Ballermann oder die österreichischen Maturareisen gesehen hat, kann eine vage Vorstellung davon entwickeln, wozu die US-amerikanischen Collegekids in ihren Frühlingsferien mutieren: zu Spring Breakers.
Eine Woche Dauererregung und Exzess, Sex, Alkohol und Drogen an den Stränden von Florida, Kalifornien und Mexiko erklären das sonst langweiligen Leben zum Ausnahmezustand, vermeintlich ohne jegliche Folgen.
Auch die langjährigen Freundinnen Faith, Candy, Brit und Cotty wollen dem tristen Schulalltag einer typisch amerikanischen Kleinstadt entfliehen, doch der dafür gesparte Betrag reicht bei weitem nicht aus. Die verzweifelte Vorstellung die Ferien nicht wie die anderen am Strand zu verbringen, treibt sie an. Mit Wasserpistolen und Vorschlaghammer bewaffnet überfallen sie den lokalen Schnellimbiss. Erfolgreich.
Die Spring Break in St. Petersburg, Florida ist für die vier Mädchen in ihren rosa Klamotten mit ihren Plüschtierrucksäcken eine riesige Dauerparty. Geschlafen wird, wo man gerade umfällt, im HotelTV laufen Zeichentrickserien, wenn sie erschöpft zu kleinen, braven Mädchen regredieren, sonst düst man im Bikini auf Scootern durch die Gegend und stellt ganz Queen of the World fest, dass d a s das richtige Leben und die ultimative Freiheit ist, die man verdient. Spring Break forever!
Jäh wird der American Dream der zügellosen Popkulturgeneration unterbrochen, als die vier Freundinnen bei einer Drogenrazzia verhaftet werden. Der Boden der Realität in Form einer Gefängniszelle ist hart. Doch überraschend öffnen sich die Zellentüren früher als gedacht. Die Kaution kam vom charismatischen weißer Rapper und Dealer namens Alien (James Franco), der die vier in seine Welt aus Reichtum, Waffenfanatismus und Regeln abseits der Gesellschaft einführt – mit fatalen Folgen …
Der Regisseur Harmony Korine (Kids, 1995) arbeitet mit Originalaufnahmen des Spring Break in Florida und wertet nie: Halbwüchsige, die sich mit allem zudröhnen, was Gott verboten hat, die beziehungslos und allein gelassen nur das Wertesystem der Konsumgesellschaf zur Verfügung haben, um sich selbst zu spüren und zu finden. Verstört werden die Fans der beiden Popkultur-Sauberfräulein Selena Gomez (Faith) und Vanessa Hudgens (Candy) sein, die den Film wegen der explilziten Sex-und Gewaltszenen legal nicht zu Gesicht bekommen können – diese Besetzung ist mehrfach ironisch.
Dass Korine diesmal nicht nur mit Laien arbeitet und in Schnitt, Ton und Ästhetik dem Mainstream der Popkultur huldigt, mag seine Fans stören, dem Film tut es gut. Ebenso wie die Entscheidung mit James Franco zu drehen, der seine Hausaufgaben beeindruckend gut gemacht hat: er beherrscht den Gestus eines Typen der White Trash-Kultur perfekt. (Die Originalfassung ist Pflicht!)
Spring Breakers ist ein manchmal grelles, leicht verzerrtes Genrebild mit überraschendem Ausgang, immer interessant trotz zwei, drei Längen, hervorragend dargestellt und ausgestattet. Der Film eignet sich gut zum Nachdenken darüber, wohin sich Teile unserer Gesellschaft entwickeln: “ … wie tödlich das sein kein oder wie es Populärmedien gelingt deine Menschlichkeit so sehr abstumpfen zu lassen, dass das Mitgefühl für andere Menschen verschwindet und die eigenen Handlungen völlig unecht wirken oder zumindest so, als würden sie keinerlei Konsequenzen nach sich ziehen – …“ (James Franco).
Für Eltern Halbwüchsiger, Fans von Harmony Korine und andere Cineasten.
Danach sieht man Jugendliche, die in Einkaufszentren und Fastfoodlokalen herumhängen mit anderen Augen. Dankbar die Wanderung über den schmalen Grat selbst geschafft zu haben, treibt’s einen auf ein Fluchtachterl ins Engländer oder ein anderes Stammlokal.
Spring Breakers
2012, USA, 92min
Buch und Regie: Harmony Korine
mit James Franco (Alien), Selena Gomez (Faith), Vanessa Hudgens (Candy), Ashley Benson (Brit), Rachel Korine (Cotty), Gucci Mane (Archie), …
Kamera: Benoîte Debie
Schnitte: Douglas Crise
Musik: Skrillex, Cliff Martinez
FSK 16 Jahre
Der Film läuft seit 21.3.2013 in den Wiener Kinos.
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