Claes Oldenburg gilt als der Popartkünstler des Objekts.
In Europa war in den vergangenen Jahrzehnten wenig von ihm zu sehen, während er mit seinen monumentalen Skulpturen in den Staaten ein Star ist. Die jetzt gezeigten Arbeiten aus den 60er Jahren sind hier wie dort heute wenig bekannt.
Mit der von Achim Hochdörfer intelligent gestalteten Schau “The Sixties” wird Oldenburg als ‘Pop-Expressionist’ in einem neuen Blickwinkel ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt.
Die bisher umfangreichste Ausstellung des fundamentalen Frühwerks wurde schon im Vorfeld von vielen Museen angefragt. Gastieren wird sie in den renommiertesten Institutionen in Köln, Bilbao, New York und Minneapolis – ein enormer Prestigegewinn für das Mumok. Der Kurator der aktuellen Ausstellung, Achim Hochdörfer hat dort 2009 (noch in der Ära Köb) die äußerst sehenswerte Cy Twombly Retrospektive kuratierte und sich damit großen Respekt in der amerikanischen Szene erarbeitet.
“Fluxus, Art brut, Alexander Calder, Barnett Newman, davor Wladimir Tatlin und Marcel Duchamp – die Bezüge von Oldenburgs Beitrag zur Pop-Art sind weniger „cool“ als komplex, aber auch existenzialistischer als angenommen”, schreibt B. Borchhardt-Birbaumer in der Wiener Zeitung.
Die Rekonstruktion der Installation ‘The Street’ im Eingangssaal lässt auch Parallellen zum ‘Informellen’ Antoni Tapies assoziieren. Spätestens hier merkt man, wie wenig förderlich dem Betrachten von Kunst Schubladen sind, in diesem Fall der ‘Popart’- wozu sich auch Oldenburg kritisch äußert.
Im zweiten Stock der Ausstellung, einer Neuinszenierung von Objekten aus ‘The Store’, fallen einem die Bezüge der nachfolgenden Generationen zu Oldenburg auf. Man denkt an Franz West, Erwin Wurm, …. , aber auch an Jeff Koons.
Oldenburg begeistert sich nicht am Kitsch der Massenprodukte, um diesen unreflektiert zu feiern (- Jeff Koons). Er entdeckt in Alltagsgegenständen bildhauerische Qualitäten, verstärkt und verfremdet sie zugleich, macht sie dadurch für den Betrachter neu erfahrbar.
“Mit seinen Souvenirs, Kitschobjekten und Ateliermodellen zeigt das
Mouse Museum die ungeheure kulturelle Vielfalt – aber auch Abgründigkeit – der kapitalistischen Gesellschaft.” (Hochdörfer)
Im Gegensatz dazu ist eine andere Aussage auf der Homepage des Mumok anzuzweifeln:
“Innerhalb der Pop-Art kann man zwei verschiedene Grundhaltungen ausmachen: Zum einen eine anfängliche Begeisterung für den nach dem 2. Weltkrieg wiedererlangten Wohlstand und die damit verbundene Konsumgesellschaft (z.B. Claes Oldenburg, Mouse Museum; Mel Ramos, Batmobile), zum anderen eine kritisierende Haltung (Andy Warhol, Orange Car Crash; Robert Indiana, Love Rising – Black and White Love. For Martin Luther King).”
“Disneys Micky Maus ist lustig, meine geometrischen Mäuse sind intellektuell.” (Oldenburg)
Das “Mouse Museum” entstand für die Dokumenta 5 (1972), kam über
die Sammlung Ludwig ins Mumok und war dann jahrelang Teil des 20er Hauses.
Das von Oldenburg mit einem Augenzwinkern auch so genannte “Mouseoleum” kann als Endpunkt der 60er Jahre Arbeitsphase gesehen werden und bildet im dritten Stock der jetzigen Ausstellung deren Endpunkt.
Rund um das begehbare Objekt sind Arbeitsskizzen zur ‘Maus’ und von (zum Teil) nie realisierten Projekten in Collagetechnik zu sehen. Auch die 20 Meter breiten Mickey Mouse Ohren für das Dach des Mumok waren leider zu teuer (der Wind!). Claes Oldenburg realisierte mit seiner 2009 verstorbenen zweiten Frau Coosje van Bruggen über 40 dieser groß dimensionierten Objekte. So steckt die riesige Spitzhacke der Dokumenta 7 noch immer im
Kassler Boden.
Die humorvollen Großskulpturen sind zwar ein Resultat aus den Arbeiten der 60er Jahre, irgendwie haben sie aber die Glätte einer Firmenproduktion, es fehlt das 60er Jahre Flair des sich spontan an allem Gesehenen zu bedienen, und umgehend wieder mit anderen zu teilen. Es irritiert die Härte des Materials, gerade im Vergleich mit den im Mumok zu sehenden “Soft Objects”.
Groß aufgeblasene, schlaffe, textil weiche Formen als Kuchenstücke, WC-Muscheln, Lichtschalter, Stromstecker…
Eigentlich müssten diese Kunstobjekte aus weichem Vinyl von den Museumsangestellten öfters aufgeschüttelt und in einer Umarmung neu zusammengedrückt werden. Oldenburg betont in Interviews immer wieder, wie wesentlich hier der Moment der Veränderung ist!
Auch wenn man sie als Besucher nicht anfassen darf, ihre bildhauerischen, haptischen Qualitäten zu spüren ist ein wesentlich intensiverer Eindruck als sie in Abbildungen zu sehen.
Woher Oldenburgs Faszination für das überdimensioniert Große und auch Disney kam, sieht man in den Dias und Super-8 Filmen. Die Motive und Ideen lagen im Amerika der 60er, wie die Materialien die Oldenburg verwendete, quasi auf der Straße – man musste nur sein Auge dafür haben.
Die billigen, teilweise wirklich gefundenen Materialien, die Oldenburg damals verwendete: Karton, Jute, Gips und Plastik, setzte er für Objekte ein, die mitunter wieder für die Straße gedacht waren und nach Performances dort zurückblieben.
Gerne würde ich nur mit Freude über die Fülle der Formen durch die Ausstellung flanieren, diese wunderbar fragilen Teile betrachten, ohne an die Restaurierung und Lagerung zu denken.
Oldenburg freut sich darüber, dass sein Werk heute erhalten wird – und über seine Ausstellung
in Wien.
Diese Schau sollte sich niemand entgehen lassen!
Claes Oldenburg. The 60s
Mumok, Museumsquartier
Museumsplatz 1, 1070 Wien
Tel.: 01 / 525 000
website: www.mumok.at
Öffnungszeiten: Mo 14.00-19.00 Uhr, Di bis So 10.00-19.00 Uhr, Do 10.00-21.00 Uhr
Führungen: jeden Sa und So um 14.00 Uhr, jeden Do um 19.00 Uhr gratis mit Ausstellungsticket
Eintrittspreis ohne Ermäßigungen: Euro 9,00
Die Ausstellung läuft noch bis zum 28.05.2012.
ALLE HIER ABGEBILDETEN FOTOS ZEIGEN ALLTAGSGEGENSTÄNDE UND KEINE OBJEKTE VON CLAES OLDENBURG!
lima
Danke für diesen erstaunlich informativen Beitrag, deinen Blick fürs Ganze. Werde natürlich hingehen! Verschlinge all deine (speziell die Kunst-)Artikel. Bitte weitermachen. Und Aufforderungen wie diese, die Vinyl-Teile regelmäßig aufschütteln zu lassen, finde ich großartig, nicht nur im Sinne des Künstlers, auch noch humorvoll.
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mir
vielen Dank für die Blumen – vielen Dank …